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Eutonie
Eine psychophysische Methode in der Behandlung von
Rückenschmerzen
1.
Eutonie: Einleitung
Viele Rückenschmerzpatienten kommen in die Eutonie, da sie erfahrungsgemäß mit
diesem Körper sensibilisierenden Verfahren eine Behandlungsmethode für sich
entdecken, die ihrem Rücken sowie ihrer Seele gut tut. Was Eutonie ist, wird in
den folgenden Seiten erklärt. Vorher aber noch ein paar Gedanken zum Thema
Rückenschmerzen.
Rückenschmerzen haben oft mit Verspannungen zu tun. Gibt es Rückenschmerzen
ohne Verspannt - Sein? Wahrscheinlich kaum. Viel wird gerätselt, was denn
tatsächlich Rückenschmerzen verursacht: Sind es ständige einseitige Belastungen,
wie z.B. stundenlanges Sitzen am PC? Sind es degenerative Erscheinungen?
Bewegungsmangel? Sind es psychische Belastungen, die Rückenschmerzen
hervorrufen? Viele sind sich mittlerweile einig darüber, dass wohl all die o. g.
Faktoren Rückenschmerzen hervorrufen können, oft auch die Kombination. Einig ist
man sich auch, dass ein ausgewogenes Maß von Bewegung und Entspannung
Rückenschmerzen vermeiden kann, bzw. reduzieren kann. Um dies zu verwirklichen,
ist ein gutes Körpergefühl Voraussetzung. Nur so können Betroffene
herausfinden, wann es für sie stimmiger ist, aktiver zu werden (z.B. spazieren
gehen, walken, joggen, schwimmen u. a.) oder sich Ruhe zu gönnen (z. B. gezielte
Entspannungsübungen). Allerdings ist es genauso wichtig, neben dem eben
erwähnten Ausgleichsprogramm Aktivität/Ruhe, sich im Moment bewusst zu machen,
wie bei dem alltäglichen Allerlei (Belastungen im Berufsalltag, Haushalt) besser
für sich gesorgt werden kann:
-
Nutze ich Pausen wirklich
sinnvoll, auch wenn sie nur eine halbe Minute dauern?
-
Kann ich die Dinge, die ich
verrichte, ökonomischer – mit weniger Kraftaufwand – tun?
-
Achte ich auf meine
Körperhaltung oder macht mein Körper mich darauf aufmerksam, dass ich gerade
mal wieder stundenlang in unmöglicher Haltung gearbeitet habe?
Mit solchen Fragen der Selbstwahrnehmung werden die Rückenschmerzpatienten in
dem Körper sensibilisierenden Verfahren Eutonie konfrontiert.
2. Was ist Eutonie? Wo
kommt diese Methode her? Was bewirkt diese Methode?
Definition von Gerda Alexander:
„Eutonie ist ein westlicher Weg zur Erfahrung
der körperlich-geistigen Einheit des Menschen. Nicht durch Versenkung, sondern
durch Erweiterung des Bewusstseins werden schöpferische Kräfte entfaltet und
zugleich die soziale Kontaktfähigkeit aktiviert – ein Entwicklungsweg, der die
Qualität der Persönlichkeit freilegt und ihr die Anpassung an das Leben der
Gemeinschaft ohne Verlust ihrer Eigenart ermöglicht.“*
Gerda Alexander (1908-1994) stellte 1959 auf
einem internationalen Kongress für „Entspannung und natürliche Bewegung“
(Kopenhagen) ihre körperorientierte, pädagogische Methode vor, für die sie 1957
den Namen Eutonie wählte. Mit diesem Namen, der sich aus den
griechischen Wörtern eu (gut, wohl, harmonisch) und
tonus
(Spannung) zusammensetzt, grenzte sie ihre Methode gegenüber den klassischen
Entspannungsverfahren ab.
Erreicht werden soll ein flexibler, guter Tonus
(Körperspannung), der sich der jeweiligen Situation anpasst, in der sich der
Mensch gerade befindet. Wenn jemand wütend ist, braucht er – um seine Wut
herauszulassen – eine andere Spannung als jemand, der traurig ist. Wenn jemand
entspannen möchte, braucht er wiederum einen anderen Tonus als jemand, der aktiv
sein möchte.
Wenn jemand verspannt ist, ist er in seinen
Möglichkeiten - frei zu wählen - eingeschränkt. Möchte derjenige entspannen,
wird er evtl. durch Schmerzen daran gehindert. Möchte derjenige gerne was
Aktives unternehmen, werden die Schmerzen ihn auch daran hindern. Der Tonus hat
in diesem Fall seine Flexibilität und Schwingungsfähigkeit verloren.
Gerne wird in der Eutonie der Körper mit einem Instrument verglichen, das auch
mal verstimmt sein kann. Dann geht es darum, das Instrument zu stimmen, damit es
wieder gut klingen kann. Ein verspannter Körper, ein verspannter Rücken, möchte
auch wieder gut gestimmt sein, um den Anforderungen des Alltags so begegnen zu
können, dass es nicht wieder in der nächsten Stresssituation erneut zu massiven
Verspannungen kommen muss.
Eutonie ist eine psychophysische Methode zur
Harmonisierung von Über- und Unterspannung im Körper. Durch bewusste
Hinwendung der Aufmerksamkeit in verschiedene Körperbereiche (Präsenz) entsteht
zunehmend ein besseres Körpergefühl, Körperbewusstsein. Durch spezielle
Wahrnehmungsübungen wird an der „guten Spannung = Eutonie“ gearbeitet, also
Tonus regulierend (Abbau von Überspannungen und Anheben von Tonus -
Minderungen).
Es geht also in der Methode Eutonie um eine
Regulation des Tonus, einen Spannungsausgleich, der im Körper angestrebt wird.
„Präsent sein bedeutet, eine klare, objektive Umweltwahrnehmung zu haben und
gleichzeitig die Lebensprozesse des eigenen Körpers wie Tonus, Zirkulation,
Atmung zu spüren. Dies erfordert eine neutrale (angstfreie) Distanz, um die
eigenen Reaktionen wach und vorurteilsfrei beobachten zu können.“**
Genau dort setzt die Methode Eutonie an. Ein
Körper bewusster Mensch wird früher auf Signale, die der Körper sendet,
aufmerksam und handelt dementsprechend. Er wird früher merken, wann er z.B.
wieder mal unnötigerweise die Schultern hochzieht, die Zähne aufeinander beißt,
die Muskeln anspannt. Ein Mensch, der nicht in seinem Körper „zu Hause ist“,
wird erst darauf aufmerksam, wenn es schon zu spät ist, die Verspannung schon da
ist. Wenn die Verspannung schon da ist, oftmals leider auch schon die äußerst
schmerzhafte Verspannung, dann braucht es ganz viel Geduld und Körpergefühl, um
die Verspannungen wieder loszuwerden. Dann muss der „Verspannte“ sich fragen:
Was kann ich tun, um meine Verspannungen wieder loszuwerden? Ist jetzt
Entspannung, ein Entspannungsverfahren angesagt? Ist jetzt Aktivität (z. B.
Schwimmen, Walken, Wandern) angesagt? Oder andere genussvolle Dinge wie ein
Wannenbad? Oder vielleicht stehen klärende Gespräche an?
In
ihrer jahrelangen Arbeit mit Menschen aller Alters- und Berufsgruppen entdeckte
Gerda Alexander, wie wichtig für das Wohlergehen jedes Einzelnen das Finden des
eigenen Rhythmus ist, um im Einklang mit sich zu sein.
Daher wird in der Eutonie viel Wert darauf gelegt, dass die Übenden ihren
eigenen Bewegungsrhythmus finden. Ihr eigenes Bewegungsausmaß, -tempo. Jeder
setzt sich eigene Pausen, sucht sich Ausgleichslagen/-positionen, wenn ihm
danach ist. Durch die Arbeit mit geschlossenen Augen wird dies erleichtert, da
ein Nachmachen, ein Orientieren an den anderen nicht möglich ist. Dadurch fällt
auch der Leistungsdruck weg, der bei herkömmlichen Bewegungsmethoden (nach dem
Prinzip Vormachen/Nachmachen) aufkommen kann. Wertfrei können die Übenden auf
die eigene Entdeckungsreise gehen. Gearbeitet wird hauptsächlich im Liegen, auf
Matten und Decken, da die Übenden im Liegen die größtmöglichste Entlastung
erfahren. Sie werden verbal in ruhiger, verständlicher Formulierung angeleitet.
Die verbale Anleitung dient zur Orientierung, verpflichtet aber nicht dazu,
„Wort für Wort“ folgen zu müssen. Auch das wird den Übenden während der Stunden
immer wieder vermittelt. Die Übenden werden dazu ermutigt, selbst
auszuprobieren, zu experimentieren, um zu ihrer eigenen Bewegung zu finden.
Inhaltlich wird schwerpunktmäßig an folgenden Themen gearbeitet:
-
Bewegungsökonomie : Wie lerne
ich mich kraftsparender zu bewegen? Wie kann ich die Kräfte, die mich
umgeben, miteinbeziehen? Den Widerstand des Bodens? Die Schwerkraft? (Das
Prinzip „Transport“ wird hier wirksam)
-
Haltungsaufbau: Wie können
sich die Körperseiten – wenn ich sie sehr unterschiedlich wahrnehme – wieder
einander annähern? (Arbeit an der Körpersymmetrie)
-
Körpervertrauen: Ist mein
Körper in der Lage zu entspannen? Ist so viel Vertrauen in meine Umgebung
vorhanden, dass ich mich fallen lassen kann? Wie gut fühle ich mich in
meinem Körper zu Hause? Ist mein Körpererleben eher negativ besetzt (vom
Schmerz dominiert) oder positiv?
(Arbeit an der Entspannungs- und Erlebnisfähigkeit des
Körpers)
Gerade diese Schwerpunkte (es gibt noch weitere Prinzipien der Eutonie, die in
diesem Beitrag nicht erwähnt wurden) spielen in der Behandlung von
Rückenschmerzerkrankungen eine große Rolle, da z. B. im Umgang mit den
Belastungsgrenzen oft Raubbau betrieben wird, der Körper den Betroffenen durch
seine Schmerzsymptomatik regelrecht „zur Ruhe zwingt“. Oft kommen Äußerungen
wie: „Ich möchte mich gerne wieder so wie früher bewegen können. Da war ich
grenzenlos belastbar“. Dem Betroffenen wird schmerzlich von seinem Körper vor
Augen geführt, dass der Körper eben doch nicht grenzenlos belastbar ist! Aus dem
Grund lehnen viele ihren Körper ab, da er nicht mehr richtig „funktioniert“.
Dann geht es darum, das Körpererleben wieder positiver zu besetzen. Der
Betroffene muss dafür jedoch eine Bereitschaft entwickeln, seine momentane
Befindlichkeit anzunehmen und nicht dagegen anzukämpfen. Umdenken ist angesagt,
was vielen sehr schwer fällt.
4. Ziele der Eutonie
Ziel der Eutonie ist es also, einen Lernprozess in Gang zu setzen, der sich
nicht nur auf die unmittelbare Übungssituation (auf der Matte liegen) bezieht,
sondern auch im Alltag fortgeführt wird. Ziel ist es, eine Präsenz zu erreichen
und fähig zu werden, die Umwelt zu erleben und das, was in einem vor sich geht.
Dieser Denkansatz wird den Rückenschmerzpatienten, die in die Eutonie kommen, im
Üben immer wieder verdeutlicht. Sie werden nicht nur als „sich bewegender
Körper“ angesprochen, sondern als ganzheitlicher Mensch, der aus Körper und
Psyche besteht. Mit folgenden Fragestellungen werden sie in den Stunden
konfrontiert: Wie gehe ich mit der Aufgabenstellung um? Setze ich mich unter
Druck? Will ich was Besonderes leisten oder gehe ich entspannt an die Aufgabe
heran? Wie führe ich die Bewegung aus? Gehe ich sorgsam, behutsam mit mir um?
Oder fordere ich sehr viel von mir? Gehe ich über meine Grenzen? Respektiere ich
meine Bewegungsgrenzen? Kann ich mich auf das, was ich gerade tue,
konzentrieren oder bin ich mit meinen Gedanken irgendwo unterwegs? Wie fühlt
sich das, was ich gerade mache, an? Wie klingt eine Bewegung nach, wenn ich der
Bewegung in Ruhe nachspüre?
All diese Fragen lassen sich auch auf Alltagssituationen übertragen.
Jeder Patient hat die Möglichkeit, an einer Eutonie
gruppe teilzunehmen, um sein Körperbewusstsein zu schulen. Die Eutonie
gruppe ist Teil eines Programms zur Selbstfürsorge, in das die
Rückenschmerzpatienten eingebunden werden. Neben dem sporttherapeutischen
Programm, Anwendungen in der Physiotherapie, Erlernen von klassischen
Entspannungsverfahren ist die Eutonie ein wichtiger Baustein, der auch eine gute
Grundlage für all die anderen Anwendungen sein kann. Für all die o. g. Therapien
ist ein gutes Körpergefühl, Körperbewusstsein Voraussetzung. Ebenso in der
ergotherapeutischen Beratung von rückengerechtem Sitzen am PC. Auch in
gesprächstherapeutischen und kreativtherapeutischen Therapieangeboten ist die
Körperwahrnehmung eine gute Grundlage, um die Selbstwahrnehmung zu schulen.
Ebenfalls ist das Zusammenleben der Patienten leichter zu meistern, wenn die
Patienten ein gutes Gespür für sich haben, mit sich im Einklang sind.
Wenn jemand mit sich im Einklang (eutonie =
gute Spannung, Wohlspannung) ist, wird es ihm auch leichter fallen,
Problemsituationen offener und gelöster zu begegnen, was sich Schmerz
reduzierend - im besten Falle - Schmerz verhindernd
auswirken kann. In der Hardtwaldklinik I ist die Eutonie auch Teil
eines kognitiv-verhaltenstherapeutischen Schmerzbewältigungskonzeptes, in dem
der Betroffene sowohl psychologische Beratung erfährt als auch auf der Körper
bezogenen Ebene mit Eutonie in Berührung kommt.
Maaret Steckert
Bewegungstherapeutin

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Aktualisiert:
Januar 2010
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